Wer an Marke spart, kauft Nachfrage später teurer ein
Im deutschen E Commerce wird Marke in Sparphasen oft wie ein weicher Kostenblock behandelt. Das ist gerade der falsche Reflex. Denn wenn Reichweite teurer wird und Kunden kritischer kaufen, schützt Marke nicht das Image. Sie schützt Marge.
2025 steht der Markt unter Druck. Laut Nielsen wollen 60 Prozent der Marketer in Europa ihre Werbeausgaben senken. Gleichzeitig priorisieren 59 Prozent Umsatzwachstum vor Markenbekanntheit. Und nur 23 Prozent messen klassische und digitale Kanäle überhaupt gemeinsam. Genau in dieser Konstellation wird Marke in vielen Unternehmen zur ersten Kürzungsmasse, obwohl sie mit darüber entscheidet, wie teuer Wachstum später wird.
Das ist für den deutschen Mittelstand keine Nebensache. KfW Research beziffert die Onlineumsätze des Mittelstands für 2024 auf 306 Milliarden Euro. Das waren 11 Prozent mehr als im Vorjahr. 22 Prozent aller Mittelständler verkaufen inzwischen (oder erst!) online. Der Markt ist also groß genug, um professionelle Steuerung zu verlangen, aber für viele Unternehmen noch nicht stark genug ausdifferenziert, um sich teure Fehlanreize leisten zu können. Wer in dieser Lage nur noch auf kurzfristig messbare Nachfrage setzt, macht sich abhängiger von Plattformen, Rabatten und ständigem Mediaeinsatz.
Reichweite wird teurer, nicht wertvoller
Der Grund ist simpel. Aufmerksamkeit kostet mehr als früher. Die WFA rechnet für 2026 mit einer globalen Medienpreis Inflation von 4,4 Prozent. Das klingt nicht dramatisch, ist für Händler aber relevant. Denn diese Teuerung läuft nicht einmalig durch den Markt, sondern wird zum neuen Normalzustand. Jeder zusätzliche Kontakt kostet mehr, ohne automatisch mehr Wirkung zu bringen.
Gleichzeitig wächst der Druck, überhaupt sichtbar zu bleiben. Der OVK erwartet für den deutschen Online Display und Video Werbemarkt 2026 ein Volumen von 8,2 Milliarden Euro nach rund 7,5 Milliarden Euro im Vorjahr. Das ist ein Plus von 8,7 Prozent. Online Video soll dabei mit knapp 4,2 Milliarden Euro erstmals größer werden als klassische Display Werbung mit rund 4,0 Milliarden Euro. Mehr Geld fließt also in Reichweite. Aber mehr Reichweite heißt noch lange nicht mehr Präferenz.
Darum schauen viele Werbetreibende wieder genauer auf Formate, die nicht nur Klicks liefern, sondern Erinnerung aufbauen. Ströer meldete 2025 für Außenwerbung erstmals einen Anteil von mehr als 10 Prozent am deutschen Werbemarkt. DOOH wuchs im ersten Halbjahr um 17 Prozent, programmatic DOOH um 26 Prozent. Das ist keine Rückkehr in alte Medienromantik. Es ist ein nüchterner Marktbefund. Wenn digitale Reichweite teurer und austauschbarer wird, gewinnen Formate an Wert, die sich besser einprägen.
Ohne Marke bleibt am Ende oft nur der Preis
Genau hier wird Marke betriebswirtschaftlich relevant. Nicht als Imagefilm. Nicht als hübscher Auftritt. Sondern als Antwort auf eine sehr harte Frage: Warum soll ein Kunde ausgerechnet bei diesem Händler kaufen und nicht beim nächsten, der ähnlich aussieht, ähnlich liefert und im Zweifel billiger ist?
Die deutsche Kundenseite ist dabei erstaunlich klar. Bitkom hat 2025 erhoben, dass für Online Shopper drei Dinge besonders wichtig sind: Zahlungsmöglichkeiten für 54 Prozent, Versand und Lieferung für 53 Prozent, Sicherheit und Vertrauen für 51 Prozent. Vertrauen liegt also praktisch auf Augenhöhe mit den klassischen Kaufkriterien. Es ist kein weicher Zusatz. Es ist Teil der Auswahl.
Wie schnell dieses Vertrauen verloren geht, zeigen die Daten des Verbraucherreports 2025. 78 Prozent der Befragten hatten in den vergangenen zwei Jahren Probleme beim Online Einkauf. 55 Prozent nennen längere Lieferzeiten als versprochen, 51 Prozent schlecht erreichbaren Kundenservice und 49 Prozent mangelnde Produktqualität. Dazu kommt ein weiterer Punkt, der für Shops gefährlich ist: 65 Prozent fühlen sich vor irreführender Werbung oder versteckten Kosten nicht ausreichend geschützt. Das heißt im Klartext: Viele Kunden gehen schon mit Misstrauen in den Kaufprozess. Wer dann keine erkennbare Marke und keine klare Verlässlichkeit ausstrahlt, landet schnell wieder im Preisvergleich.
Markenvertrauen zahlt direkt auf Geschäftsergebnisse ein
Der häufigste Einwand gegen Markenbudgets lautet immer noch, dass ihre Wirkung zu vage sei. Diese Ausrede wird schwächer. Die IPA hat Anfang 2026 812 Kampagnen aus ihrer Effectiveness Databank ausgewertet. 93 Prozent der Kampagnen, die sehr große Zuwächse im Markenvertrauen erzielten, berichteten mindestens einen sehr großen Business Effekt, etwa bei Umsatz, Marktanteil oder Profit. Im Durchschnitt aller for profit Kampagnen lag dieser Wert nur bei 66 Prozent. Die besonders vertrauensstarken Kampagnen erzielten im Schnitt zudem 65 Prozent mehr sehr große Business Effekte als der Gesamtdurchschnitt.
Für E Commerce Unternehmen ist das wichtiger, als es auf den ersten Blick aussieht. In einem Shop entscheidet Vertrauen nicht nur darüber, ob jemand den Kauf abschließt. Es beeinflusst auch, wie viel Preisnachlass nötig ist, wie stark der Kundenservice belastet wird, wie hoch die Wiederkaufrate ausfällt und ob Kunden bei Problemen noch einmal zurückkommen. Wer Marke nur als Kommunikation behandelt, unterschätzt ihren Einfluss auf Deckungsbeitrag und Kundenqualität.
Das Problem sitzt oft im Reporting
Viele Mittelständler kürzen Marke nicht aus Überzeugung, sondern weil ihre Steuerung sie dazu drängt. Wenn nur das zählt, was in Kampagnenberichten sofort sichtbar ist, gewinnen automatisch die Maßnahmen, die unten im Funnel arbeiten. Alles, was Nachfrage vorbereitet, Vertrauen aufbaut oder Preisdruck reduziert, wirkt in solchen Reportings kleiner, als es wirklich ist.
Genau deshalb ist die Nielsen Zahl von nur 23 Prozent so relevant. Wenn klassische und digitale Kanäle nicht gemeinsam gemessen werden, fehlt der Blick darauf, welche Investitionen den späteren Abverkauf überhaupt erst billiger machen. Dann wird Marke schnell zum Kostenfaktor gerechnet, obwohl sie in Wahrheit ein Teil der Wirtschaftlichkeit ist.
Was jetzt anders laufen sollte
Für mittelständische Händler folgt daraus keine komplizierte Lehre. Drei Dinge reichen fürs Erste.
Markenbudget sollte nicht wie frei verfügbares Restgeld behandelt werden. In einem Markt mit teurerer Reichweite wird es wichtiger, Nachfrage robuster zu machen, nicht unwichtiger.
Media sollte nicht nur nach Klickpreis bewertet werden. Die entscheidende Frage ist oft, welches Umfeld Erinnerung schafft und Vertrauen mittransportiert.
Und die Wirkung sollte breiter gelesen werden. Branded Search, Direktzugriffe, Wiederkaufrate, Preisnachlassquote und Conversion bei kalter Reichweite sagen oft mehr über die wirtschaftliche Stärke einer Marke aus als ein einzelner ROAS Wert.
Die unbequeme Wahrheit
Viele E Commerce Unternehmen können heute sehr sauber verkaufen. Aber sie verkaufen häufig zu oft aus derselben Logik heraus: sichtbar werden, abverkaufen, rabattieren, nachschieben. Das funktioniert, solange genug Nachfrage da ist und Media halbwegs effizient bleibt. Es wird schwierig, wenn Budgets enger werden und Reichweite jedes Jahr ein Stück teurer wird.
Dann trennt sich der Markt anders. Nicht zwischen Unternehmen mit dem besseren Kampagnen Setup und allen anderen. Sondern zwischen denen, die im Kopf schon eine Rolle spielen, und denen, die jedes Mal neu überzeugen müssen.
Genau deshalb ist Marke im E Commerce gerade kein Luxus. Sie ist der Teil des Geschäfts, der verhindert, dass Wachstum immer teurer eingekauft werden muss. Wer das in Sparjahren vergisst, spart oft an der Stelle, die später am meisten fehlt.
