Wer den Preis erklären kann, führt ihn
Der Preis ist im E-Commerce zur offenen Flanke geworden.
Kunden vergleichen schneller. Marktplätze setzen Referenzpunkte. Google zeigt Alternativen direkt neben dem eigenen Shop. Temu und Shein drücken in vielen Kategorien die Preiswahrnehmung nach unten. Gleichzeitig haben viele Händler ihre Kunden über Jahre an Gutscheine, Black Week Aktionen und Newsletter Rabatte gewöhnt.
Jeder Rabatt wirkt kurzfristig. Aber jeder wiederholte Rabatt verändert auch die Erwartung an den nächsten Kauf.
Preissetzungsmacht entsteht deshalb heute an anderen Stellen als früher. Weniger über reine Einkaufskonditionen oder eine bekannte Marke. Stärker über Sortiment, Vertrauen, Verfügbarkeit, Service, CRM und die Fähigkeit, einen höheren Preis sauber zu begründen.
Für den Mittelstand ist das ein kaufmännisches Kernthema. Wer Preise nur reaktiv anpasst, verliert Marge. Wer Preise erklären kann, gewinnt Spielraum.
Online wächst wieder. Die Marge wächst nicht automatisch mit.
Der deutsche Onlinehandel hat sich wieder stabilisiert. Laut HDE legte der Onlinehandel 2025 preisbereinigt um rund 3 Prozent zu, für 2026 erwartet der Verband weiteres Wachstum von etwa 3,5 Prozent. Auch der bevh hatte nach schwächeren Jahren wieder eine Erholung im E-Commerce gemeldet.
Das klingt gut. Für den einzelnen Händler ist es aber nur die halbe Nachricht.
Mehr Marktvolumen bedeutet nicht automatisch mehr Ergebnis im eigenen Shop. Ein wachsender Teil der Nachfrage läuft über große Plattformen, Marktplätze und internationale Anbieter. Temu und Shein haben in Deutschland deutlich an Relevanz gewonnen. Die Verschiebung ist inzwischen messbar. Nach EHI und ECDB kam Temu in Deutschland 2024 auf rund 3,4 Milliarden Euro Bruttohandelsvolumen und stieg damit im Marktplatz-Ranking auf Platz 5. Shein lag im Onlineshop-Ranking bei rund 1,1 Milliarden Euro Umsatz und sprang auf Platz 7. Noch wichtiger ist der Blick auf die Nutzung: Nach HDE-Angaben kauften 2024 mehr als 14 Millionen Menschen in Deutschland bei Temu und Shein, täglich gingen rund 400.000 Pakete an deutsche Kunden.
Die Zahlen sind nicht nur eine Ranking-Meldung. Sie zeigen, dass die Preisanker in vielen Kategorien längst nicht mehr nur von Amazon, Otto oder klassischen Vergleichsportalen gesetzt werden.
Wachstum im Markt kann deshalb trügerisch sein. Es füllt nicht automatisch die eigene Marge. Manchmal erhöht es nur den Druck, günstiger sichtbar zu sein.
Der Preisrahmen entsteht oft vor dem Shopbesuch
Viele Händler kalkulieren Preise noch stark von innen heraus. Einkaufspreis, Zielmarge, Wettbewerb, Kampagnenkalender, Lagerbestand. Alles wichtig. Aber die Preiswahrnehmung des Kunden beginnt häufig früher.
Wer einen bekannten Staubsauger, einen Bürostuhl, eine Matratze, eine Kaffeemaschine oder ein Gartenmöbelset verkauft, steht sofort im Vergleich. Der Kunde sieht Preise bei Amazon, Otto, Idealo, Google Shopping, Hersteller Shops und Marktplatzhändlern. Wenn Produkt, Lieferzeit und Rückgabe ähnlich wirken, reicht schon ein kleiner Preisunterschied.
Dann setzt der Händler formal den Preis. Der Markt setzt den Korridor.
Das ist vor allem bei identischen Markenartikeln schwer zu vermeiden. Problematisch wird es, wenn ein Shop sein gesamtes Sortiment so steuert, als wäre jeder Artikel gleich vergleichbar. In vielen Sortimenten haben Produkte sehr unterschiedliche Aufgaben.
Ein bekannter Markenartikel bringt Reichweite und Orientierung, hat aber oft wenig Preisspielraum. Ein Zubehörpaket, ein Ersatzteil, ein Set, eine Eigenmarke oder ein beratungsintensiver Artikel kann deutlich mehr Marge tragen. Ein Einstiegsprodukt darf knapp kalkuliert sein, wenn es in eine Kategorie oder in einen späteren Wiederkauf führt.
Wer diese Rollen nicht sauber trennt, steuert Pricing zu grob. Dann landen Margenträger in allgemeinen Rabattaktionen. Vergleichsartikel bleiben zu teuer und verlieren Sichtbarkeit. Zubehör wird verschenkt, obwohl es Ergebnis bringen müsste. Pricing beginnt deshalb im Sortiment. Der Preis ist nur die sichtbare Oberfläche.
Marke braucht wieder mehr Begründung
Marken haben grundsätzlich bessere Chancen auf Preisspielraum. Aber der Markenname allein trägt seltener.
Viele Kunden testen heute Alternativen. Eigenmarken, Direktimporte, Plattformprodukte, No Name Artikel. Besonders dann, wenn Qualitätsunterschiede im Shop kaum erkennbar sind. Ein Sofa für 1.500 Euro verkauft sich nicht nur über ein schönes Foto. Der Kunde muss verstehen, warum es diesen Preis hat. Material, Verarbeitung, Lieferprozess, Garantie, Ersatzbezüge, Beratung, Rückgabe und Service müssen sichtbar werden.
Beim Bürostuhl ist es ähnlich. Ergonomie, Belastbarkeit, Ersatzteile, Bewertungen und Rückgabe können einen höheren Preis rechtfertigen. Wenn diese Punkte schwach erklärt sind, bleibt nur der Vergleich mit dem günstigeren Modell.
Genau an dieser Stelle verlieren viele Shops Preisspielraum. Das Produkt ist gut. Die Darstellung ist zu dünn.
Im Home & Living Umfeld sieht man das häufig. Gute Materialien, solide Verarbeitung, echte Qualitätsunterschiede. Im Shop stehen dann drei Studiofotos, eine knappe Beschreibung und eine Lieferzeit. Direkt daneben findet der Kunde ein ähnliches Produkt deutlich günstiger.
Der höhere Preis braucht früher eine Erklärung. Auf der Produktseite. In den Bildern. In den Varianten. Bei Lieferung und Retoure. In den Bewertungen. Im Checkout. Wenn der Kunde den Mehrwert erst nach dem Kauf versteht, kommt die Erklärung zu spät.
Rabatte wirken. Rabattgewöhnung kostet.
Rabatte bleiben wirksam. Besonders in einem Markt, in dem viele Verbraucher stärker auf Preise achten.
YouGov Auswertungen zeigen, dass der Anteil von Promotion Umsätzen bei Produkten des täglichen Bedarfs zwischen 2020 und 2024 deutlich gestiegen ist. 2024 entfiel knapp ein Viertel der Gesamterlöse auf Sonderangebote, bei Markenprodukten sogar fast ein Drittel. Auch andere Verbraucherbefragungen zeigen seit Jahren eine hohe Aufmerksamkeit für Angebote, Coupons und Preisvorteile.
Im E-Commerce ist dieses Verhalten gut sichtbar. Kunden warten auf Black Week, Newsletter Gutscheine, Warenkorbabbruch Mails, App Aktionen oder saisonale Sales. Viele Händler haben diese Erwartung selbst aufgebaut.
Der einzelne Rabatt ist selten das Problem. Gefährlich wird die Routine.
Wenn alle zwei Wochen 15 Prozent angeboten werden, verliert der Listenpreis an Glaubwürdigkeit. Wenn jeder Newsletter einen Gutschein enthält, wird CRM zum Wartesignal. Wenn Warenkorbabbruch regelmäßig mit Rabatt belohnt wird, lernt der Kunde ein Verhalten, das Marge kostet. Aus kaufmännischer Sicht braucht Promotion mehr Disziplin.
Ein Erstkaufangebot kann sinnvoll sein. Eine Reaktivierung nach längerer Inaktivität auch. Ein Bundle zur Warenkorberhöhung ebenfalls. Saisonale Bestandsbereinigung sowieso. Schwierig werden breite Flächenrabatte ohne klare Funktion. Sie bringen Umsatz, aber oft wenig Erkenntnis. Vor allem dann, wenn anschließend nicht geprüft wird, welche Kunden profitabel wiederkaufen und welche nur dem nächsten Gutschein folgen.
Der Rabatt sollte eine Aufgabe haben. Neukauf, Wiederkauf, Reaktivierung, Warenkorberhöhung, Abverkauf. Ohne diese Zuordnung wird aus einem Instrument schnell ein Margenleck.
CRM muss Marge schützen
Viele Shops bewerten CRM noch zu stark nach kurzfristigem Umsatz.
Ein Newsletter mit Gutschein funktioniert. Der Umsatz steigt. Die Frage nach Deckungsbeitrag, Kundentyp und Wiederkaufqualität kommt später oder fällt ganz weg. Genau hier wird es kaufmännisch gefährlich.
Ein Kunde, der nach dem Sofakauf rechtzeitig das passende Pflegemittel angeboten bekommt, braucht nicht zwingend Rabatt. Ein Grillkunde, der nach der Saison sinnvolles Zubehör oder Ersatzteile sieht, reagiert auf Relevanz. Ein Käufer von Tiernahrung oder Verbrauchsartikeln will vor allem Verlässlichkeit, einfache Nachbestellung und passende Erinnerungen. CRM sollte den nächsten Kauf leichter machen. Nicht jeden Kauf billiger.
Das klingt unspektakulär, ist aber wirtschaftlich wichtig. Jeder eigene Kundenkontakt reduziert die Abhängigkeit von bezahlter Neukundengewinnung. Wer einen Kunden immer wieder über Google, Meta oder Marktplätze einkaufen lässt, bezahlt die Beziehung mehrfach.
Gerade mittelständische Händler können hier viel gewinnen. Nicht durch komplizierte Personalisierung, sondern durch saubere Segmente, gute Nachkaufstrecken, sinnvolle Bundles und klare Kommunikation. Bestandskunden brauchen oft weniger Preisreiz, als viele Shops glauben. Sie brauchen Timing, Vertrauen und einfache Wege zurück in den Kauf.
Temu und Shein verändern die Erwartung
Temu und Shein setzen Händler unter Druck, weil sie in vielen Kategorien extrem niedrige Preise sichtbar machen. Das verändert die innere Referenz der Kunden.
Auch wenn Qualität, Lieferzeit, Retoure, Produktsicherheit und Service nicht vergleichbar sind, bleibt der Preis im Kopf hängen. Ein Artikel, der vor kurzem noch als günstig galt, wirkt plötzlich teuer. Für mittelständische Händler ist das besonders heikel bei Sortimenten mit geringer Erklärungsleistung: Deko, Accessoires, einfache Haushaltswaren, Mode, kleine Elektronik, Geschenkartikel, einfache Möbelstücke.
Preise auf Temu Niveau zu senken, zerstört in vielen Geschäftsmodellen sofort die Kalkulation. Sinnvoller ist eine klarere Begründung des eigenen Preisniveaus.
Schnelle Lieferung. Verlässliche Retoure. Geprüfte Materialien. Erreichbarer Service. Saubere Produktdaten. Passende Maße. Ersatzteile. Beratung. Rechnung. Gewährleistung. Sichere Zahlungsarten.
Diese Punkte müssen direkt in den Kaufmoment. Nicht versteckt auf einer Service Unterseite. Wenn ein Produkt teurer ist, muss der Kunde den Grund erkennen, bevor er den Shop verlässt.
Dynamische Preise brauchen zuerst klare Produktrollen
Dynamische Preisführung kann sinnvoll sein. Gerade bei vergleichbaren Artikeln, saisonalen Produkten, schwankender Nachfrage oder hoher Wettbewerbsdichte.
Ein Händler sollte wissen, wo er preislich steht. Lagerbestand, Nachfrage, Wettbewerb, Marge, Lieferfähigkeit und Saison gehören in die Steuerung. Wer diese Informationen nur gelegentlich prüft, reagiert zu spät. Ein Repricing Tool löst aber keine unscharfe Sortimentsstrategie.
Wenn nicht klar ist, welche Produkte Reichweite bringen, welche Marge tragen, welche Wiederkauf auslösen und welche exklusiv bleiben sollen, optimiert der Händler am falschen Ziel. Dann wird vielleicht der Wettbewerbspreis getroffen, aber die eigene Ergebnislogik bleibt schwach.
Aus unserer Sicht sollte vor jedem Tool die Produktrolle geklärt werden.
Vergleichsartikel brauchen Markttransparenz. Margenartikel brauchen Schutz vor unnötigen Aktionen. Einstiegsartikel brauchen eine klare Anschlusslogik. CRM Artikel brauchen gutes Timing. Exklusive Artikel brauchen Erklärung und Sichtbarkeit. Mit dieser Trennung wird dynamisches Pricing steuerbar. Ohne sie wird es hektisch.
Preisaktionen brauchen Vertrauen
Seit der Umsetzung der Omnibus Vorgaben müssen Händler bei Preisermäßigungen den niedrigsten Gesamtpreis der letzten 30 Tage berücksichtigen. Der Bundesgerichtshof hat 2025 noch einmal betont, dass diese Information klar erkennbar und gut lesbar sein muss.
Für Händler ist das eine rechtliche Vorgabe. Für Kunden ist es ein Vertrauenssignal.
Viele Verbraucher haben gelernt, Streichpreise kritisch zu lesen. Black Sale hat diesen Effekt verstärkt. Wenn ein Shop mit hohen Rabatten arbeitet, aber die Referenzpreise fragwürdig wirken, beschädigt das die Glaubwürdigkeit.
Gerade mittelständische Händler sollten hier sauberer sein als der Markt. Vertrauen ist oft einer der wenigen echten Vorteile gegenüber anonymen Plattformangeboten. Preisaktionen müssen dieses Vertrauen stützen. Das bedeutet: klare Referenzpreise, saubere Aktionslogik, transparente Kommunikation, keine künstlich aufgeblasenen Streichpreise.
Kurzfristig kann aggressive Preiswerbung funktionieren. Langfristig zählt, ob der Kunde den Shop als verlässlich abspeichert.
Gute Preisführung ist Handwerk
Preisspielraum entsteht nicht durch eine einzelne Maßnahme. Er entsteht durch viele saubere Entscheidungen im Zusammenspiel.
Die Produktseite erklärt den Mehrwert. Die Kategorie führt sinnvoll. Der Preis passt zur Rolle des Artikels. Bundles erhöhen den Warenkorb, ohne wahllos Rabatt zu geben. CRM steuert nach Kundentyp und Kaufmoment. Marktplatzpreise und Shoppreise widersprechen sich nicht. Aktionen werden nach Deckungsbeitrag bewertet, nicht nur nach Umsatz.
In der Praxis hakt es oft an genau diesen Übergängen. Marketing plant eine Aktion. Einkauf denkt in Lagerdruck. E-Commerce schaut auf Conversion. CRM will Umsatz aus dem Newsletter. Geschäftsführung sieht am Ende die Marge.
Wenn diese Perspektiven nicht zusammengeführt werden, wird Pricing reaktiv. Dann entscheidet der nächste Sale, der nächste Wettbewerber oder der nächste Umsatzdruck. Der Mittelstand braucht an dieser Stelle keine überkomplexe Pricing Organisation. Aber er braucht eine klare kaufmännische Logik.
Einige Produkte dürfen günstig wirken, weil sie Einstieg und Reichweite bringen. Andere Produkte müssen Marge halten. Angebote brauchen eine konkrete Aufgabe. Kundensegmente brauchen Relevanz statt pauschalem Rabatt. Vorhandene Mehrwerte müssen im Shop sichtbarer werden. Das reicht oft schon, um Preisführung deutlich sauberer zu machen.
Wer austauschbar wirkt, wird austauschbar bepreist
Preisspielraum entsteht im Kopf des Kunden. Wenn Produkte austauschbar wirken, entscheidet der Preis. Wenn Qualität, Service, Verfügbarkeit, Vertrauen und Relevanz sichtbar werden, entsteht Spielraum.
Für mittelständische Händler ist das die zentrale Konsequenz: Pricing gehört nicht isoliert in Einkauf, Shop oder Performance Marketing. Es gehört in die kaufmännische Steuerung des gesamten E-Commerce.
Sortiment, Produktdaten, Shop, Marktplätze, CRM, Angebote und Marge müssen zusammen betrachtet werden. Sonst arbeitet jeder Bereich an seinem eigenen Ziel und der Preis wird zum kleinsten gemeinsamen Nenner. Der günstigste Anbieter gewinnt nicht automatisch. Aber der teurere Anbieter muss seinen Preis besser erklären.
Wer den Preis nicht erklären kann, verliert ihn. Erst im Kopf des Kunden. Danach in der Marge.
